Mittwoch, 4. September 2013

die diktatur der wohlmeinenden

okay, "ich honn ma widda nidd mai bleedie fress gehall ..."

und mich geärgert - über meine eigene blödheit, bei carta.de zu kommentieren, was ich gestern noch für selbstkommentierend hielt, aber die versuchung, einem kommentarstrang von mehr als 70 beiträgen meinen senf hinzuzufügen, war zu groß.

zu blöd, ich vergaß den hausdrachen.

war das jetzt gemein? habe ich es mir jetzt endgültig "verscherzt", nachdem ich doch schon in die "erregungswellenbloggosphäre" boshaft auf einen blogpost verlinkt hatte, den ich für symptomatisch halte für das, was so schiefgehen kann, wenn man "aus dem bauch heraus" einfach mal die empathie und die antipathie mit einer großen gießkanne verteilt und schon gar nicht mehr an selbstreflektion interessiert ist. weil man ja auf seiten der "guten" ist.

derer, die es doch nur gut meinen.



die wohlmeinenden. (wer hat das bloß in "wohlgesinnte" verhunzt?)

damit die abgrundtiefe boshaftigkeit dieser wohl gewählten anspielung nicht verpasst, schicke ich dich mal gerade zu wikipedia. ja genau der und sein buch, das hierzulande gerne als - na, wer hätte das gedacht? - "antisemitisch" abgekanzelt wurde.

was ja schon ein witz ist, littell entstammt einer jüdischen familie, die lesung, die ich höre jedenfalls wurde im jüdischen salon am grindel in hamburg aufgenommen und ich kann nicht erkennen, daß das publikum austickt.

littell wagt es eben, eine wirklich unangenehme position zu beziehen - die eines schwulen ss-offiziers, der in seinem buch über berge von leichen stapft, seinen guten teil zur vernichtung beiträgt und ... sich ganz auf der seite der "guten" wähnt.

nun steht mein hausdrache nicht in dem verdacht, mal über irgendetwas zu stapfen, er ist ein netter hausdrache, da bin ich mir sicher und es gibt sicher drachen in seiner nähe, die erheblich selbstverliebter und kritikunfähiger sind als er, der eine sie ist ...

aber machen wir uns nichts vor: wenn dieser drache mal eine kiste hat, in die er dich steckt, wenn er dich erst mal "nicht mehr leiden" kann, dann stehst du vor einer verschlossen tür und musst halt damit leben, daß er sich nicht mehr groß mit dem auseinandersetzt, was du sagst.

womit ich den ersten punkt ansteuere, um den es mir geht

dieses "ich weiss schon, was der/die mir sagen will".

die "kiste", in der man sich "wohlmeinend" gesteckt sieht.

ich weiss ja nicht, was heute dazu geführt hat, daß der drache meinen kommentar in den mülleimer geworfen hat und reime mir - wie immer - die fehlenden teile so zusammen:

mein drache weiss, was und wann es "gut" ist und die schmerzschwelle ist einfach so dünn wie die haut geworden - ich gehe ihm einfach auf den wecker. das ist okay, ich gehe vielen menschen auf den wecker, manchmal sogar mir selbst.

ich hacke halt immer wieder auf den selben lächerlichen themen herum, ufere aus, weiche ab von der in die mitte gezogene linie dessen, was nun "gesittet & konstruktiv" ist und was nicht.

mir geht eben die fähigkeit ab, mich an die regeln zu halten.

ich hab' ja auch keine ahnung, wer die regeln definiert hat und fühle mich manchmal einfach nur "bemuttert"

womit ich bei meinem zweiten punkt wäre

ich übersetze "bemuttert" immer mit "bevormundet".

konfrontiert mit dem türsteher und dem gefühl, daß die eigenen augen und haare zu dunkel sind für rassereines techtelmechtel unterm intelektuellenstroboskop ...

jemand da draussen weiss, was und wann etwas "gut" ist.

also, ich, ich weiss das nicht. ich kann nicht so gerade gehen, weil mir der stock im arsch fehlt.

muttis sagen immer so sachen wie "lass dir doch mal die haare schneiden".

weil man, wenn man sich angepasst hat, weniger auffällt oder aneckt. mein problem: es ist mir ziemlich egal, ob ich anecke. wenn alle anderen schöne runde kugeln sind, bin ich halt ein eckiger klotz. eckige klötze werden genau so gebraucht wie abgerundete kiesel, letztere um eine hauswand zb. schön aussehen zu lassen, die aber von eckigen steinen gebildet wird.

naja, wenn alle anderen eckig wären, wäre ich wahrscheinlich rund. graaadselääätz ...

ich will nicht bevormundet werden, weder im guten noch im schlechten. wenn der drache etwas liest, wovon er denkt "wie lachhaft ist das denn?" und mich vor dem spottt der gemeinde bewahren will, sein eingriff in meine freiheit der rede also "wohlmeinend" ist, schon gar nicht. aber auch nicht, wenn es ihm einfach nicht gefällt.

womit ich, ich halte mich kurz, bei meinem dritten punkt bin

den hat carta,de dann heute selbst mit diesem redaktionellen beitrag formuliert: "wo endet toleranz und wo beginnt zensur?"

und ich ... honn mo widda nidd mein bleedie fress gehall ...und kommentiert

hardy |  Ihr Kommentar muss noch freigeschaltet werden. 03.09.2013 | 20:13 | permalink  
es gibt dinge, die nimmt man raus, weil sie degoutant sind, weil aus ihnen hass oder dummheit spricht, weil sie andere zutiefst beleidigt. das ist okay. 
und es gibt dinge, die nimmt man raus, weil sie einem eben nicht passen, weil sie “gegen eine freundin” gerichtet scheinen, weil sie eine kritik einthalten, die man partout nicht lesen möchte. das ist zensur.
dabei ist es mir persönlich egal, ob sie von einer wohlmeinenden nanny ausgeübt wird oder einem beinharten zensor. nur daß man eben als “nanny” von sich selbst nie denken würde, man sei ein zensor. 
just my 2 cents zu der hier geübten praxis …
der beitrag wurde nicht frei geschaltet, so wenig wie mein beitrag zur debatte bei kerstin.

was okay ist, ich bin der volltrottel, der seine zeit an einem ort verschwendet hat, der die chuzpe besitzt, die frage nach zensur und toleranz zu stellen und ...  sich dann die wirklichkeit oder das tolerierbare zurechtschneidet ...

womit ich, für meine verhältnisse, schnell zum ende komme

diese post hiess ursprünglich "ich suche immer noch ..."

nach dem richtigen wort und habe es immer noch nicht gefunden.

ist das nun "wohlmeinend" im sinne von "wir wollen hier eine qualitativ gute diskussion und wissen schon, was gut und qualität ist", die "guten" sich also sozusagen das recht herausnehmen, darüber zu befinden, was ins töpfchen und was ins kröpfchen kommt, sprich den mülleimer.

redaktion als "qualitätskontrolle" nach dem motto "mir wisse was gudd iss".

ich liebäugle ein wenig mit dem wort "selbstgefällig". im sinne von, wir gefallen uns selbst, wozu sollte hier noch jemand was sagen? das, was gesagt wird, ficht uns zwar nicht an, aber ... naja, wir ertragen es halt und - wenn nicht - lassen wir dich spüren, daß du gerade mal wieder unterirdisch war.

das ist in etwa die haltung der qualitätsmedien, die von anfang an nicht verstanden haben, daß der kunde könig ist und diese gönnerhafte art, so zu tun, als habe der kunde sich dafür zu bedanken, daß er beitragen "darf". ein kleine selbstgefällige anmaßung eben.

um so dämlicher, wenn man einen blog betreit, der die möglichkeit eines andern gedankens ermöglichen sollte, ihn dann aber verwirft, weil man das "andere" nicht erkennt und die eigene projektion dessen, was der andere sagt, mit dem text selbst verwechselt.

im konkreten falle ist es die diktatur kleinkarierter nannies, die dich dazu auffordern dir die haare - oder eben die gedanken - zu schneiden. und dann, in aller unschuld, latürnich, die frage nach toleranz und zensur stellen.

eine email an mich des inhalts "hör auf bei uns zu kommentieren" hätte es auch getan ...

[ps]

ich ufere hier unter der linie noch ein bißchen aus, weil es in diesem zusammenhang ein paar dinge gibt, die sich mir aufdrängen, aber nicht in den flow da oben passen:

kommunikation im internet, das ist mir klar, provoziert zweierlei:

einerseits die reduktion auf das vermeintlich wesentliche

man will "verstanden" werden. man hat eine "message" und will sie unters volk bringen.

man will sich positionieren, stellung beziehen, etwas, wovon man denkt, es sei wichtig, formulieren. das muss alles raus. impulskontrolle gehört nicht mehr zu den dingen, die das internet fördert, eher das rauslassen in einer möglich komprimierten form. 128 zeichen?

dumm nur: die dinge sind viel zu komplex. es gibt nicht nur eine meinung. man weiss nur, was man weiss und man versteht nun mal nur, was man eben zu verstehen gelernt hat.

deshalb ist alles, was man sagt, immer nur ein ausschnitt dessen, was alles zu sagen wäre - und man eben nicht sagt, weil man den anderen nicht überfordern will.das verstehe ich bei mir und unterstelle es per se dem gegenüber. es kann im besten falle lange dauern, bis ich eine kiste habe, in die ich den anderen stecke.

kann, muss nicht, weil es da andererseits auch diesen faktor gibt

das größte problem ist aber andererseits die projektion

vor zwanzig jahren, als das alles für mich neu war, ich die zeit und den nerv hatte, alles ganz genau zu lesen, gab es noch den zusätzlichen bonus, daß meine projektionen in der regel positiver natur waren. ich konnte mir den oder die andere als eine/n "guten" vorstellen und so ging ich auch mit ihm um. die menge war ja begrenzt, man konnte den überblick behalten ohne sich allzugroß anzustrengen.

heute ist das natürlich - die schiere masse macht das ja erforderlich - eine andere nummer: man muss wie beim speed-dating schnell entscheiden.

konkretes beispiel? der untrschied zwischen "postillon" und "eine zeitung".

ich lese den posttillon und der ist schreiend komisch. ich lese "eine zeitung" und frage mich, ob der einen baukasten für scherze hat und zum lachen in den keller geht, teutonenhaudraufhumor at its best.

okay, das ist dann halt so ein eindruck, den man gewinnt.

in der folge ist auf dem postillon alles wirklich köstlich komisch und alles auf "eine zeitung" sind nur an den haaren herbeigezogene pseudowitze ...

oder eben antje.

ich lese das und mich überkommt der kalte schauder.

nicht weil antje eine frau ist oder gar eine "emanze".

nein, das ist die leseerfahrung von 20 jahren, die mich einerseits befähigt, einen eigenen gedanken sofort als solchen zu erkennen und dann in jubelstimmung zu vrfallen (frag mal ben) mich aber andererseits dazu bringt, die unwuchten als erste wahrzunehmen, den widerspruch, das selbstverliebte, diesen impuls den ersten gedanken gut zu finden und ihm dann auf gedeih und verderb nachzulaufen. sei es nun die "bubble" oder ihr "facebook & ich", die ich ja selbst hier in genau dem selben tenor wie sebastian kommentiert habe.

da ist man halt im ersten moment mal erschrocken über sich selbst.

darf ich der jetzt sagen, wie unterirdisch das ist? wie stark sich ihr freiheitsbegriff von dem meinen unterscheidet? ist das höflich? ist die nicht eine von vielen respektierte autorin, sogar grimme preis und all das?

darüber nachzudenken, bevor man postet, geht hoffentlich als impulskontrolle durch.

weil ich halt am ende zu einem - auf der menschlichen ebene - eigentlich eher verheerenden urteil komme, die ganze selbstverliebtheit, das zu kurze denken, diese ansammlung all dessen, was man an frauen (also ich jedenfalls) nicht mag. frauen in einem anderen kontext würden sich über die besten schuhe unterhalten, aber der kontext ist hier ein anderer, feminismus ya know, und schuhe sind kein thema.

aber es ist, hard to say, der selbe "sound".

früher nannte man das den "backfisch"-ton.

ich befürchte, daß da draussen viele ältliche backfische unterwegs sind.

auch welche, die eigentlich längst erwachsen sein sollte. mmaw poltert an der stelle immer, "die sollten mal was richtiges arbeiten gehen, statt sich an den differenzen abzuarbeiten" und bringt mich damit gelegentlich auf die palme, weil, naja, auch das ist "arbeit".

aber sie erinnert mich daran, daß es bei dieser ganzen show um etwas viel wichtigeres geht, um "verantwortung". ich denke, daran zu erinnern hat wohl die hälfte der entscheidung des carta-hausdrachens, meinen ersten kommentar zu verwerfen getragen:

ich habe antje darin daran erinnert, daß sie verantwortung trägt für ihre "fangemeinde".

daß sie "vorbild" ist und ob sie ihren followern wirklich beinbringen möchte, daß der erste gedanke, dem man ohne impulskontrolle nachläuft, schon ganz okay sei. daß es ihr, ich habe das nicht so deutlich gesagt, aber der drache hat es wohl zurecht darin gelesen, um das sich selbst bespiegeln in einem an den rändern blinden spiegels geht.

meine projektion ist also immer noch die, die ich in "rosinante auf dem oktoberfest" in der mir typischen boshaften art beschrieb: das prinzessinnengetue von backfischen.

wenn man mit einer königin verheiratet ist, die ihre verantwortung zur verbesserung der welt im wesentlichen so wahrnimmt, daß sie verwahrlosten kiddies das bauen von möbeln beibringt, kann einem das auffallen.

wenn man selbst cinderella geblieben ist, wahrscheinlich eher nicht.

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