Samstag, 5. Januar 2013

sisyphos II - my generation/young man blues

bei menschen meiner generation (195+) 

ist das erschrecken über die taten der nazis einfach zu tief verankert, als daß wir schindluder damit treiben könnten. für uns sind menschen wie etwa der staatsanwalt fritz bauer, die es endlich schafften, die täter oder doch die wenigen, derer sie habhaft wurden, vor gericht zu stellen - und die namen derer, die sie nicht bekamen, weil sie von der deutschen elite gedeckt wurden, still an simon wiesenthal weiterreichten, helden. wir verehrten beate klarsfeld, die dem damaligen bundeskanzler kiesinger  (ein früheres NSDAP-mitglied) eine scheuerte. 

wir wussten, wer carl von ossietzky war, "der name, den das weltgewissen sprach", und wo und wie er endete - und es brach uns das herz, dieser tapfere kleine mensch, der bewegende briefe an seine frau schrieb und partout nicht auf robert w. kempner hören wollte, jenen mann, der dann später mit den amerikaner nach deutschland kam und die jahresbücher der juristischen kollege mit zurückbracht und vor allem die protokolle der wannseekonferenz fand, die nachwiesen, welche planungsanstrengungen unsere elterngeneration offensichtlcih unternommen hatten, um 6 millionen juden industriell zu vernichten ... auch hier wieder der name beate klarsfeld, die den kleinen bürokraten eichmann jagte, der die bahnfahrten organisierte, die ich in meiner kleinen geschichte ansprach. und zu einer debatte führte, in der hannah ahrendt für ihre tiefe einsicht der "banalität des bösen" von haargenau dem selben ignoranten pack angegriffen wurde, deren speerspitze in diesen tagen wohl der unter last seines gutseins ächzende henryk sein dürfte. man sollte mal nachgucken, wieviele von den damaligen hohlköpfen noch heute in der debatte mitspielen.

wenn wir glück hatten, stießen wir auch auf viktor klemperer, der nicht nur die sprache der verbrecher sezierte sondern uns vom leben eines deutschen patrioten, jüdischer religion, erzählte, der sich nun verbergen musste vor den häschern. oder eben auf aharon appelfeld

weshalb diese lange ausführung über "meine generation"?

weil wir ja nicht nur sex & drugs & rock'n'roll im kopf hatten und uns diese fragen eben beschäftigten. 


was nicht nur daran lag, daß es so etwas wie scham gab für die taten unserer eltern  - ich will an dieser stelle mal kurz meine eigenen ausschließen, ich kenne da meine familiengeschichte zu gut, aber der großvater meiner ersten frau zb. war ss-mann und über 90% der saarländer stimmte damals für die nazis und gegen meinen großvater, der als angehöriger der vitus heller bewegung mit der losung "heim ins reich - aber nicht gleich" gegen den anschluss kämpfte.

auch hier: warum erzähle ich das? ich kann ja nicht die meriten meines großvaters einstreichen. so wenig, wie ich von jemanden meiner oder einer späteren generation erwarten könnte, er solle sich gefälligst dafür schämen, was einer seiner vorfahren verbrochen hat. 

aber ich muss ...

noch einmal einen schritt zurück, damit ich verstanden werden kann.

was wir - meine generation - damals nicht ahnten, wir steckten ja mitten drin in diesem prozess der aufarbeitung - von dem ich jetzt mal behaupte, daß er überhaupt erst mit unserer generation begann:

es ist das eine, den titel des filmes von "die mörder sind unter uns" zu kennen oder gar, welch glück, eine seiner wenigen ausstrahlungen erleben zu können - sorry, kein youtube, wo ich mir das hätte angucken können - und zu verstehen, worum es zum teufel eigentlich geht: sie waren ja wirklich unter uns, wir wussten bloß nicht wer was getan hatte.

und - mal ehrlich, die die es wussten, hatten ja auch kein interesse daran, sie zu nennen, weil, wenn sie das täten, nicht etwa das lob einer zivilisierten gesellschaft auf sie wartete, ach was, das waren en gros eben genau die verbrecher oder doch in verbrechen verstrickt, von denen die rede ist. und - im schlimmsten fall, wäre dann eben auch ihr eigener name gefallen: "der hat doch auch damals im wald die juden mit abgeknallt"

diese erkenntnis, auch eine von diesen kleinen, verheerenden, ist bis heute nicht wirklich in diese gesellschaft gedrungen. geschweige denn war sie in den 60er und 70ern thema wissenschaftlicher forschung, die wir gerade erst erleben dürfen, wie dieser pod aus dem jahre 2010 SWR2 Forum "Die Deportation der pfälzischen und saarländischen Juden" vielleicht veranschaulicht: es hat einfach niemanden interessiert, daß die bevölkerung damals nicht nur explizit wusste, was passierte, daß menschen aus ihren häusern gezerrt wurden - nein, die tatsache, daß damals die "nachbarn" sofort in deren wohnungen strömten, um sich deren eigentum anzueignen bis die polizei einschritt ... das war nun wirkich starker tobak ... und nicht nur die mörder waren unter uns sondern auch die vielen kleinen gierigen "ganz normalen" drecksäcke

warum ich das so explizit ausführe?

weil es der kern unseres "tabus" ist. weil es erklärt, warum "die deutschen", genauer die täter und deren familien, die heute immer noch in diesem land auf eine subtile art & weise "den ton" angeben - seien sie nun miteigentümer von zeitschriften, die zu den qualitätsmedien zählen oder der durchschnittliche naziverseuchte grottenolm, der sich seine oder schuld seiner väter nicht eingestehen will.

ganz einfache nummer: es gibt kein (antisemitismus-)tabu

es gibt nur eben immer noch die nachfahrenschaft der täter, denen dieses land immer noch genau so gehört wie damals - und die wollen ums verrecken nicht, daß ihr name offen ausgesprochen oder über ihren ganz konkreten taten geredet wird.

deshalb spielt man in diesem land "tabu und raus bist du".

diese show wird nur aufgeführt, um bloß nicht an das wirkliche tabu zu rühren: die verbrecher sind immer noch unter uns und ihre verbrechen immer noch nicht in der art aufgearbeitet wie das oa. swr2 forum am ende hoffen läßt. das tabu dient der vertuschung und nicht etwa dem gedenken an die vielen millionen individuen und deren erschütternde geschichten oder dazu, aufzuzeigen, was "die deutschen" dahin führt und vor allem wie sie sich dabei auffführten.

weil der führer das befahl. na klar ...

nope, es war die schlichte banalität des bösen.

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